Endgame

Leseprobe - ENDGAME. Die Auserwählten

Sarah Alopay
Bryan High School, Omaha, Nebraska, USA


Die Menge jubelt, klatscht, pfeift.
Sarah steht auf. Sie trägt ein rotes Barett und einen Talar mit der blauen Schärpe der Jahrgangsbesten. Sie lächelt. Sie lächelt schon den ganzen Tag. Ihr tut das Gesicht weh vom vielen Lächeln. Sie ist glücklich. In weniger als einem Monat wird sie 18. Sie wird den Sommer mit ihrem Freund Christopher auf einer archäologischen Grabungsstätte in Bolivien verbringen, und im Herbst geht es dann nach Princeton, aufs College. Sobald sie 20 ist, beginnt der Rest ihres Lebens.
In 742,43625 Tagen wird sie frei sein.
Von der Teilnahme ausgeschlossen.

...............

Sie befindet sich in der 2. Reihe, hinter einer Gruppe von Leuten aus der Verwaltung, einigen Eltern und Lehrern, die dem Vorstand angehören, und ein paar Football-Trainern. Sie ist nur wenige Plätze vom Mittelgang entfernt. Neben ihr sitzt Reena Smithson, ihre beste Freundin seit der 3. Klasse, und vier Reihen hinter ihr Christopher. Sie wirft ihm einen verstohlenen Blick zu. Blonde Haare, Drei-Tage-Bart, grüne Augen. Ausgeglichenes Wesen und riesengroßes Herz. Der attraktivste Junge ihrer Schule, ihrer Stadt, vielleicht ihres Bundesstaats und – wie sie findet – der ganzen Welt.
Sarah tritt in den Mittelgang. Sie trägt eine rosafarbene Ray-Ban-Wayfarer, die ihr Vater ihr zu Weihnachten geschenkt hat, eine Brille, die ihre braunen, weit auseinanderstehenden Augen verdeckt. Ihr langes, kastanienbraunes Haar ist zu einem straffen Pferdeschwanz zusammengebunden. Ihre glatte, bronzefarbene Haut leuchtet. Unter ihrem Talar ist sie genauso gekleidet wie alle anderen.
Aber auf wie vielen Schülern ihres Abschlussjahrgangs lastet die Bürde eines Artefakts? Sarah trägt es um den Hals, genauso wie Tate damals, als er noch teilnahmeberechtigt war, denn seit 300 Generationen wurde es von einem Spieler an den nächsten weitergegeben. An der Kette hängt ein funkelnder, schwarzer Stein, der 6000 Jahre lang Liebe, Leid, Licht, Schönheit, Schmerz und Tod gesehen hat. Sarah trägt diese Halskette seit dem Tag, an dem Tate verletzt wurde und der Rat ihres Geschlechts beschloss, dass sie die Spielerin sein würde. Damals war sie 14. Seither hat sie das Amulett nicht mehr abgelegt, und sie hat sich so sehr daran gewöhnt, dass sie es kaum noch spürt.
Sie beugt sich vor und räuspert sich. »Ich gratuliere euch und begrüße euch zum großartigsten Tag eures Lebens. Zumindest eures bisherigen Lebens!«
Die Schüler rasten aus, und einige werfen voreilig ihre Barette in die Luft. Andere lachen. Viele rufen: »Sa-rah! Sa-rah!«
»Als ich über diese Rede nachgedacht habe«, fährt Sarah mit klopfendem Herzen fort, »habe ich mir vorgenommen, eine Frage zu beantworten. Also habe ich mir überlegt: Welche Frage wird mir am häufigsten gestellt? Und auch wenn das ein bisschen peinlich ist, wusste ich die Antwort sofort. Die Leute fragen mich andauernd, ob ich ein Geheimnis habe!«
Gelächter. Weil es stimmt. Wenn es an dieser Schule jemals eine perfekte Schülerin gab, dann Sarah. Und mindestens einmal pro Woche wurde sie von irgendjemandem gefragt, was ihr Geheimnis sei.
»Nach langem Grübeln wurde mir klar, dass es darauf eine ganz einfache Antwort gibt. Mein Geheimnis ist, dass ich keine Geheimnisse habe.«
Das ist natürlich eine Lüge. Sarah hat Geheimnisse – sogar ziemlich große. Geheimnisse, die ihre Familie seit Tausenden von Jahren bewahrt. Auch wenn sie natürlich all das getan hat, weswegen sie so beliebt ist, auch wenn sie sich jede Bestnote, jede Trophäe und jede Auszeichnung verdient hat, hat sie noch viel mehr getan. Dinge, die sich keiner dort unten vorstellen kann. Sie hat mit Eis Feuer gemacht. Sie hat einen Wolf gejagt und mit bloßen Händen getötet. Sie ist auf heißen Kohlen gelaufen. Sie ist eine Woche am Stück wach geblieben. Sie hat aus einer Meile Entfernung einen Hirsch erlegt. Sie spricht neun Sprachen  und sie besitzt fünf Pässe. Während alle sie für Sarah Alopay halten, Homecoming Queen und durch und durch amerikanisches Mädchen, gehört sie in Wirklichkeit zu den härtesten, bestausgebildeten Soldaten der Welt.
Ein ohrenbetäubender Knall schneidet Sarah das Wort ab. Alle recken den Hals. Über den Eichen wird ein heller Streif sichtbar, eine Narbe, die den blauen Himmel entstellt. Er scheint sich nicht zu bewegen, sondern nur größer zu werden. Einen Moment lang starren alle ehrfürchtig hinauf. Einige keuchen vernehmlich. Jemand sagt laut und deutlich: »Was ist das?«
Alle schauen wie gebannt, bis aus der letzten Reihe ein einsamer Schrei ertönt und sämtliche Zuschauer gleichzeitig in Panik geraten. Als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Stühle werden umgeworfen, Menschen schreien, Chaos bricht aus. Sarah stockt der Atem. Unwillkürlich greift sie nach dem Stein, den sie unter dem Talar um den Hals trägt.
Er ist schwerer als je zuvor. Der Asteroid oder Meteorit oder Komet oder was auch immer es ist, verwandelt ihn. Sarah ist wie erstarrt. Kann den Blick nicht von dem Streif abwenden, der auf sie zurast. Wieder verändert sich der Stein an ihrer Kette, er fühlt sich plötzlich leicht an. Sarah begreift, dass er sich unter ihrem Talar erhebt. Er löst sich von ihren Kleidern und zerrt sie in Richtung des Objekts, das auf die Menschenmenge herabstürzt.
So sieht es aus.
So fühlt es sich an.
Endgame.

Sarah Alopay
Gretchen’s Goods Café and Bakery, Wartebereich von Frontier Airlines, Eppley Airfield, Omaha, Nebraska, USA


Sarah sitzt mit Christopher an einem Plastiktischchen, zwischen ihnen ein unberührter Heidelbeermuffin. Sie halten sich an den Händen, ihre Knie berühren sich, und sie versuchen, so zu tun, als wäre es nicht der merkwürdigste Tag in ihrem noch kurzen Leben. Sarahs Eltern sitzen 30 Fuß von ihnen entfernt an einem anderen Tisch und beobachten ihre Tochter aufmerksam. Sie machen sich Sorgen, was sie Christopher wohl erzählt und was der Junge – den sie immer wie einen Sohn behandelt haben – tun wird. Ihr eigentlicher Sohn, Sarahs Bruder Tate, liegt in einem Bestattungsinstitut und wird demnächst eingeäschert. Alle sagen, später wird noch genug Zeit sein, um Tate zu trauern, aber vielleicht stimmt das gar nicht.
In 57 Minuten wird Sarah ein Flugzeug besteigen, das sie von Omaha nach Denver bringen wird. Von Denver wird sie nach San Francisco weiterfliegen, von San Francisco nach Seoul, von Seoul nach Peking.
Ein Rückflugticket hat sie nicht.
»Du musst also von hier weggehen, um an diesem Spiel teilzunehmen?«, fragt Christopher zum 17. Mal, zumindest kommt es Sarah so vor.
Sie bemüht sich, geduldig zu sein. Es ist nicht leicht, ihr geheimes Leben zu verstehen. Sie hat sich schon oft vorgestellt, wie es wäre, Christopher von Endgame zu erzählen; sie hat nur nicht damit gerechnet, dass sie es irgendwann wirklich würde tun müssen. Aber jetzt ist sie erleichtert, endlich ehrlich zu ihm sein zu können. Deshalb spielt es auch keine Rolle, dass er immer und immer wieder die gleichen Fragen stellt. Dies sind ihre letzten Augenblicke mit ihm, und sie wird jeden einzelnen davon auskosten, auch wenn Christopher nicht lockerlässt.
»Ja«, erwidert Sarah. »Endgame. Eigentlich darf die Welt nichts von dem Spiel erfahren. Oder von Menschen wie mir.«
»Den Spielern.«
»Ja, den Spielern. Den Ratsversammlungen. Den geheimen Geschlechtern der Menschheit …« Sie verstummt.
»Warum darf denn niemand davon erfahren?«
»Weil die Menschen nicht in der Lage wären, ein normales Leben zu führen, wenn sie wüssten, dass das Endspiel alles infrage stellt«, sagt Sarah und spürt einen Anflug von Traurigkeit – ihr eigenes »normales Leben« hat sich vor wenigen Tagen in Luft aufgelöst.
»Du führst doch ein normales Leben«, beharrt Christopher.
»Nein, tu ich nicht.«
»Ach ja, stimmt.« Christopher verdreht die Augen. »Du hast Wölfe getötet und dich allein in Alaska durchgeschlagen und kannst Karate und allen möglichen anderen Mist. Weil du eine Spielerin bist.«
Allmählich verliert sie die Geduld. Sie hatte erwartet, dass Christopher ihr den Rücken stärken würde; jedenfalls hatte sie sich dieses Gespräch im Vorhinein immer so ausgemalt. »Das ist kein Todeskult. Ich habe mir das auch nicht ausgesucht. Und ich wollte dich bestimmt nie anlügen, Christopher.«
»Schon okay.« Christophers Augen leuchten auf, als hätte er gerade eine Entscheidung gefällt. »Wo muss ich mich anmelden?«
»Für was?«
»Für das Endspiel. Ich möchte bei deiner Mannschaft mitmachen.«
Sarah lächelt. Das ist wirklich lieb von ihm. Aber leider unmöglich. »So läuft das nicht. Es gibt keine Mannschaften. Die anderen elf bringen auch keine Unterstützung zur Eröffnung mit.«
»Die anderen, sind das Spieler, so wie du?«
»Ja.« Sarah nickt. »Abkömmlinge der ersten Zivilisationen der Welt, von denen aber keine mehr existiert. Jeder von uns vertritt ein Geschlecht der Weltbevölkerung, und wir kämpfen für das Überleben dieses Geschlechts.«
»Okay«, sagt Christopher und räuspert sich. »Es gibt also zwölf Stämme aus grauer Vorzeit, die sich an diese seltsamen Regeln halten und auf irgendein Zeichen warten. Und als solches hast du diesen Meteorit interpretiert – zugegebenermaßen ein ziemlich abgefucktes, verrücktes Zusammentreffen. Aber was, wenn es nicht mehr ist als genau das? Ein zufälliges Zusammentreffen? Und nur wegen dieser bescheuerten Prophezeiung, die es vielleicht gar nicht gibt, verwandelst du dich jetzt in eine durchgeknallte Mordmaschine.«
Christopher muss erst einmal Luft holen, und Sarah sieht ihn mit einem traurigen Lächeln an.
»Warum jetzt?«
»Was meinst du damit?«
»Warum musste es ausgerechnet jetzt losgehen?«
»Diese Frage werde ich mir wahrscheinlich stellen, solange ich lebe, Christopher. Ich kenne die Antwort nicht. Ich weiß, was die Legende besagt, aber ihre wahren Gründe kenne ich nicht.«
»Was besagt die Legende denn?«
»Endgame beginnt, wenn die Menschheit bewiesen hat, dass sie es nicht verdient, menschlich zu sein. Dass sie die Erleuchtung vergeudet hat, die sie uns geschenkt haben. Die Legende besagt außerdem, dass Endgame beginnt, wenn wir die Erde als gegeben hinnehmen, wenn die Bevölkerung zu groß für diesen gesegneten Planeten wird. Es beginnt, um dem, was wir sind, ein Ende zu setzen, um die Ordnung auf der Erde wiederherzustellen. Aus welchem Grund auch immer – was sein wird, wird sein.«
»Heilige Scheiße.«
»Genau.«
»Und wie können wir gewinnen?«, fragt er mit leiser Stimme.
»Das weiß niemand. Aber ich werde es herausfinden.«
»In China.«
»Genau.«
»Wird es gefährlich werden?«
»Ja.«

Jago Tlaloc, Sarah Alopay
Zug T41, Wagen 8, unterwegs durch Shijiazhuang, China
Von: Peking
Nach: Xi’an


Jago Tlaloc fährt mit einem Nachtzug von Peking nach Xi’an. Er hat fast drei Tage gebraucht, um bis hierher zu kommen. Von Juliaca nach Lima. Von Lima nach Miami. Von Miami nach Chicago. Von Chicago nach Peking. 24.122 km. 13.024,838 Seemeilen. 79.140.413,56 Fuß.
Und jetzt eine Zugfahrt von 11,187 Stunden.
Jago hat ein Schlafabteil für sich, aber die Matratze ist hart und er findet keine Ruhe. Er setzt sich auf, schlägt die Beine übereinander und zählt seine Atemzüge. Starrt aus dem Fenster und denkt an die schönsten Dinge, die er je gesehen hat: ein Mädchen, das an einem Strand in Kolumbien im Sand einschläft, während die Sonne untergeht; Mondschein, der sich in dem sich kräuselnden Wasser des Amazonas spiegelt; die Nazca-Linien an dem Tag, als er zum Spieler wurde. Seine Gedanken rasen jedoch weiter. Er atmet flach. Diesem Druck halten die schönen Bilder nicht stand.
Er kann das Grauen nicht vergessen, das sein Zuhause heimgesucht hat. Das Höllenfeuer und den Geruch von verschmortem Kunststoff und Fleisch, die Schreie der Menschen, brennende Frauen, sterbende Kinder. Die Hilflosigkeit der Feuerwehrleute, der Armee, der Politiker. Die Hilflosigkeit im Angesicht solcher Zerstörung.
Am Tag, nachdem Jago sein Stück des Meteorits an sich genommen hatte, ging die Sonne über einer Menschenmenge auf, die sich vor der Villa seiner Eltern eingefunden hatte. Manche von ihnen hatten alles verloren und hofften nun auf Hilfe. Während Jago packte, taten seine Eltern, was sie tun konnten. Im Fernsehen machten Astrophysiker leere Versprechungen, so etwas werde nie wieder passieren.
Sie irren sich.
Das war erst der Anfang.
Noch schlimmere Katastrophen stehen bevor.
Noch mehr Menschen werden leiden.
Noch mehr Menschen werden brennen.
Noch mehr Menschen werden sterben.
Die Leute haben den Meteorit, der auf Juliaca gestürzt ist, El Puño del Diablo getauft. Die Teufelsfaust. Elf weitere Faustschläge haben die Erde getroffen und viele, viele Menschen getötet.
Die Meteoriten sind herabgefallen, und die Welt ist eine andere geworden.
Verletzlich.
Zutiefst verunsichert.
Die Meteoriten waren nur das Vorspiel.
Todo, todo el tiempo, denkt er. Todo.
Er steht auf. Seine Knie knacken. Er muss unbedingt raus aus diesem Abteil, den Kopf freibekommen. Er greift nach seiner grünen Cargohose und zieht sie an. Seine Beine sind dünn und kräftig. Sie haben mehr als 100.000 Kniebeugen absolviert. Er setzt sich auf den Stuhl und zieht Wollsocken und Ledermokassins an. Seine Füße haben über 250.000 Mal gegen einen schweren Boxsack getreten. Er schnallt sich ein kleines Kampfmesser an den Unterarm und schlüpft in ein langärmeliges, kariertes Hemd. Er hat mehr als 15.000 einarmige Klimmzüge gemacht. Dann nimmt er seinen iPod und steckt sich schwarze Kopfhörer in die Ohren. Schaltet die Musik ein. Die Musik ist hart und laut. Metal. Seine Musik und seine Waffen. Heavy Metal.
Jago kauft eine Tüte Erdnüsse und eine Cola und geht zu einem leeren Tisch in der Nähe des Mädchens mit den kastanienbraunen Haaren. Das ist keine Chinesin. Sie liest die neueste Ausgabe der China Daily. Er setzt sich. Das Mädchen ist fünf Fuß von ihm entfernt, ganz in ihre Zeitung vertieft; sie blickt nicht auf.
Er schält die Erdnüsse und steckt sich eine nach der anderen in den Mund, trinkt von seiner Cola. Er starrt das Mädchen an. Sie ist hübsch und sieht aus wie eine amerikanische Touristin; neben ihr steht ein mittelgroßer Rucksack. Er ist schon vielen solchen Mädchen begegnet, als sie auf dem Weg zum Titicacasee in Juliaca Station waren.
»Es ist unhöflich, jemanden so anzustarren«, sagt sie, ohne den Blick von der Zeitung zu heben.
»Ich dachte, du hättest es nicht gemerkt«, erwidert er auf Englisch. Sein Akzent ist nicht zu überhören.
»Natürlich habe ich es gemerkt.« Sie hat ihn noch immer nicht angeschaut.
»Darf ich mich zu dir setzen? Ich habe seit Tagen mit fast niemandem mehr geredet, und dieses Land kann wirklich muy loco sein. Falls du verstehst, was ich meine.«
»Allerdings.« Sie hebt den Blick, und ihre Augen scheinen ihn zu durchbohren. Sie ist mit Abstand die schönste Amerikanerin, wenn nicht sogar die schönste Frau, die er je gesehen hat. »Komm rüber.«
Er steht auf und lässt sich ihr gegenüber auf die Sitzbank fallen. »Erdnüsse?«
»Nein, danke.«
»Clever.«
»Was?«
»Von Fremden kein Essen anzunehmen.«
»Wolltest du mich vergiften?«
»Vielleicht.«
Sie lächelt und überlegt es sich offenbar anders, als hätte er sie zu einer Mutprobe herausgefordert. »Ach was, ich riskier’s.«
Ihr Lächeln raubt ihm den Atem. Normalerweise erliegen die Frauen seinem Charme, Dutzende Male ist das schon so gewesen, aber diesmal ist es andersrum. Er hält ihr die Tüte hin, sie nimmt eine Handvoll Erdnüsse und breitet sie auf dem Tisch aus.
»Wie lange bist du schon hier?«
»Im Zug?«
»Nein. In China.«
»Etwas mehr als drei Wochen«, sagt er. Was nicht stimmt.
»Ja? Ich auch. Ungefähr drei Wochen.« Er erkennt, wenn jemand lügt, und sie lügt ganz offensichtlich. Interessant. Ob sie wohl zu ihnen gehört?
»Woher kommst du?«, fragt er.
»Aus Amerika.«
»Echt? Woher in Amerika?«
»Omaha.« Jetzt lügt sie nicht. »Und du?«
»Aus Peru, aus der Nähe vom Titicacasee.« Also sagt auch er die Wahrheit.
»Wie heißt du?«
»Feo.« Er wirft sich eine Erdnuss in den Mund.
»Freut mich, dich kennenzulernen, Feo. Ich heiße Sarah.« Sie wirft sich ebenfalls eine Erdnuss in den Mund. »Sag mal – willst du nach Xi’an, um den Krater zu besichtigen?«
»Ich? Nein. Ich mach nur eine Rundreise. Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, dass die chinesischen Behörden einen da allzu nah ranlassen.«
»Darf ich dir noch eine Frage stellen, Feo?«
»Klar.«
»Spielst du gerne?«
Sie hat sich geoutet. Er weiß nicht, ob das klug ist. Seine Antwort auf diese Frage wird maßgeblich dazu beitragen, ob auch er geoutet wird oder nicht.
»Eigentlich nicht«, sagt er rasch. »Aber ich mag Rätsel.«
Sie lehnt sich zurück. Ihr Tonfall verändert sich und klingt plötzlich überhaupt nicht mehr kokett. » Ich mag keine Rätsel. Mir ist es lieber, ich weiß, woran ich bin, so oder so. Ich hasse Ungewissheit. Ich neige dazu, sie so schnell wie möglich zu beseitigen, sie aus meinem Leben zu entfernen.«
»Wahrscheinlich eine gute Strategie, wenn du dazu in der Lage bist.«
Sie lächelt, und obwohl er angespannt sein sollte und bereit, sie zu töten, wirkt dieses Lächeln äußerst entwaffnend. »Na, schön. Feo – hat das irgendeine Bedeutung?«
»Es bedeutet ›hässlich‹.«
»Haben dich deine Eltern so getauft?«
»Mein richtiger Name ist Jago. Aber alle nennen mich Feo.«
»Dabei bist du gar nicht hässlich. Auch wenn du den Anschein erwecken willst«
»Vielen Dank«, erwidert er und kann sich ein Lächeln nicht verkneifen. Die Diamanten in seinen Zähnen funkeln. Er beschließt, einen Köder auszuwerfen. Wenn sie anbeißt, wissen sie beide Bescheid. Er ist sich nicht sicher, ob das eine gute Idee ist, aber er weiß, dass man hin und wieder ein Risiko eingehen muss, wenn man das Endspiel gewinnen will. Feinde wird er genug haben. Freunde dagegen werden eher die Ausnahme sein. Warum soll er diese Zufallsbekanntschaft nicht nutzen und versuchen herauszufinden, ob die wunderschöne Amerikanerin Freund oder Feind ist?
»Also gut, Sarah aus Omaha, die hier Ferien macht. Wenn du in Xi’an bist, hättest du dann Lust, zusammen mit mir die Wildganspagode zu besichtigen?«
Bevor sie antworten kann, zuckt draußen ein weißer Blitz vorbei. Der Zug gerät ins Schwanken und bremst. Die Lampen flackern und gehen aus. Vom anderen Ende des Speisewagens dringt ein lautes Geräusch zu ihnen; es klingt wie eine vibrierende Saite. Aus den Augenwinkeln bemerkt Jago, das unter einem der Tische ganz schwach ein rotes Lämpchen blinkt. Als er wieder zum Fenster schaut, wird das Licht draußen greller. Er und Sarah stehen gleichzeitig auf und treten an die Scheibe. In der Ferne rast, von Osten nach Westen, ein heller Lichtstreif über den Himmel. Er sieht aus wie eine Sternschnuppe, aber dafür ist er zu tief und seine Flugbahn ist schnurgerade. Jago und Sarah starren den Streif, der durch die Finsternis der chinesischen Nacht rast, wie gebannt an. In letzter Sekunde, bevor er außer Sichtweite gerät, wechselt er unvermittelt die Richtung, bewegt sich in einem Winkel von 88 Grad von Norden nach Süden und verschwindet dann am Horizont.
Sie weichen vom Fenster zurück. Das Licht geht wieder an, und der Zug nimmt erneut Fahrt auf. Die anderen Leute im Speisewagen unterhalten sich aufgeregt, aber anscheinend hat keiner bemerkt, was da draußen vor sich gegangen ist.
Jago dreht sich um. »Komm mit.«
»Wohin?«
»Komm mit, wenn du am Leben bleiben willst.«
»Was redest du da?«
Er streckt ihr die Hand hin. »Schnell.«
Sie folgt ihm, aber seine Hand nimmt sie nicht. Während sie weitergehen, fragt er: »Wenn ich dir sagen würde, dass ich der Spieler des 21. Geschlechts bin, könntest du damit etwas anfangen?«
»Ich würde dir sagen, dass ich die Spielerin des 233. Geschlechts bin.«
»Schließen wir einen Waffenstillstand? Vorerst jedenfalls?«
»Ja, vorerst.«